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Krise als Chance während der Covid-19 Pandemie? 6 Fragen an Ales Kupsky – CEO a.i. Avectris AG

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Die Covid-19 Pandemie hat viele unangenehme Seiten. Auf der ganzen Welt werden Menschen krank, das Gesundheitssystem ist überlastet, Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz, Unternehmen stehen vor dem Bankrott, und die Länder müssen Milliarden für Rettungsaktionen und medizinische Hilfe ausgeben. Herr Kupsky, was bewegt Sie, trotzdem positiv in die Zukunft zu schauen?

Die Schweiz ist in den vergangenen Jahrzehnten von grösseren Krisen verschont geblieben, und entsprechend waren auch viele überzeugt, dass so etwas wie eine Pandemie allenfalls irgendwo weit weg passieren könnte, aber nicht bei uns. Daher hat uns Covid-19 unvorbereitet getroffen. Trotz der zahlreichen tragischen individuellen Schicksale sehe ich auch Chancen für uns, denn aus jeder Krise gingen die Menschen bisher gestärkt hervor, weil sie sich an neue Situationen anpassen und die persönlichen Komfortzonen verlassen mussten. Ich bin überzeugt, dass eine Neuorientierung in zahlreichen Bereichen stattfinden wird. Wir lernen Alltägliches wieder mehr zu schätzen und hinterfragen Selbstverständliches, ob es auch in Zukunft so bleiben muss. Das ist ein guter Nährboden für Innovation und Weiterentwicklung.

Ihre Mitarbeiter liegen Ihnen ganz besonders am Herzen! Was tun Sie konkret, um sie in dieser herausfordernden Zeit zu unterstützen?

Avectris hat bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt einen Krisenstab einberufen. Dieser trifft sich wöchentlich, um die Situation zu beurteilen und entsprechende Massnahmen festzulegen. Erste Priorität hat dabei die Gesundheit unserer Mitarbeitenden und Kunden. Seit Beginn der Pandemie fördern wir daher die Arbeit im Home-Office. Die Präsenz im Büro ist nur in kleinen Teams und unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften gestattet. Gleichzeitig haben wir unsere Arbeitsmittel an die neuen Bedürfnisse angepasst und den Informationsfluss intensiviert, beispielsweise mit regelmässigen Mailings, täglichen Videocalls, virtuellem «Feierabend Bier» und vielem mehr. Dies war insbesondere am Anfang sehr hilfreich, als die Situation für uns alle noch neu war.

Inzwischen haben sich die Prozesse eingespielt und die Mitarbeitenden organisieren sich in den Teams selbst. Derzeit planen wir die nächste Phase, in der wir ein umfassendes Home-Office Konzept einführen und den Mitarbeitenden mehr Selbstbestimmung bezüglich Arbeitsort und technischen Hilfsmitteln geben. Es ist uns gleichzeitig sehr wichtig, das «Wir»-Gefühl und die sozialen Kontakte weiterhin aufrecht zu erhalten. Hier experimentieren wir noch mit unterschiedlichen Ansätzen, wie wir den Teamgeist und Zusammenhalt trotz mehr physischer Distanz erhalten können.

Die Avectris AG ist aktuell am Expandieren und Fachspezialisten gefragter denn je. Existiert der War for Talents in Krisenzeiten?

Ja, definitiv.
Wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Fokusprodukte wie verschiedene Cloudangebote, moderne Workplace-Lösungen, Digitalisierung, SAP S/4HANA und RPA während der Krise bei unseren bestehenden und neuen Kunden eine deutlich erhöhte Nachfrage erfahren haben. Wir haben deshalb in den vergangenen Monaten zahlreiche neue Mitarbeitende eingestellt, denen wir attraktive Angebote in spannenden Themenbereichen bieten konnten. Viele waren bei ihren bisherigen Arbeitgebern verunsichert bezüglich ihrer beruflichen Zukunft. Parallel dazu haben wir eine «Academy» ins Leben gerufen, um Hochschulabgänger direkt nach ihrem Master- oder Bachelor-Studium anzuwerben und mittels eines strukturierten Ausbildungslehrgangs «on-the-job» zu Consultants weiterzuentwickeln. Diese Initiativen haben grossen Anklang gefunden und uns ermöglicht, qualifizierte und motivierte neue Kolleginnen und Kollegen für uns zu gewinnen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die aktuelle Corona-Pandemie auf die Wirtschaft auswirken? Wo sehen Sie Chancen und wo die grössten Herausforderungen?

Ich persönlich gehe davon aus, dass es klare Gewinner und Verlierer aus dieser Krise geben wird. Die Digitalisierung und Automatisierung wird dafür sorgen, dass Teile der Produktion und Dienstleistungen aus dem Ausland wieder in die Schweiz zurückkehren.

Dadurch entstehen neue Unternehmen, und bestehende Firmen passen ihr Angebot an. Damit dies wirtschaftlich funktioniert, müssen neue Wege gefunden werden, welche aktuellste Technologien und Prozesse nutzen. Dies dürfte auch die Nachfrage nach gut qualifiziertem Personal weiter ankurbeln.

Was werden für Sie in den nächsten 100 Tagen die grössten Aufgaben als CEO ad interim bei der Avectris AG sein?

Ich kenne die Avectris seit acht Jahren und habe auch die Strategie für die nächsten Jahre mitgestaltet. Dieser Vorsprung erspart mir viel Einarbeitung. Somit liegt mein Fokus einerseits auf der Pflege von bestehenden und der Gewinnung neuer Kunden. Covid-19 unterstützt uns insofern, als dass viele Unternehmen angesichts der Pandemieerfahrungen ihre Strategie anpassen und mehr in ihre IT investieren.

Andererseits sind wir in den vergangenen Jahren stark gewachsen, organisch und anorganisch. Das kulturelle «change management» ist jedes Mal eine neue Herausforderung für mich und mein Kollegenteam, aber es macht mir viel Spass. Auch wenn es viel Zeit beansprucht, so freut es mich jedes Mal, wenn ich sehe wie die Teams schrittweise zusammenwachsen und gemeinsam an einem Strick ziehen.

Wenn Sie heute nochmal auf Ihre gesamte Karriere zurückblicken, würden Sie etwas ändern wollen und wenn ja was?

Nein, ich würde nichts ändern wollen.

Ich hatte nie einen klaren Karrierepfad vor Augen, aber ich habe immer bewusst neue Herausforderungen gesucht, oft auch solche, von denen andere die Finger liessen. Dabei hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mal eine CEO-Rolle übernehmen werde. Am Ende ist für mich aber nie der Funktionstitel entscheidend: wenn die Aufgabe spannend und das Umfeld motivierend ist, dann bin ich mit Kopf und Herz dabei.

SchweizerUnternehmen.ch, Oktober 2020